HIRTENWORT
Was ist nun als Kirche unser Weg?
Gemeinsamer Brief des Kirchenpräsidenten und des Präses


„Es ist klüger, pessimistisch zu sein: vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. So ist Optimismus bei den Klugen verpönt. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. “
Dietrich Bonhoeffer
Liebe Schwestern und Brüder in den evangelischen Kirchengemeinden in Anhalt,
bei den Landtagswahlen am vergangenen Sonntag haben die Wählerinnen und Wähler die AfD mit der Regierungsbildung beauftragt. Auch in unseren Kirchengemeinden haben Schwestern und Brüder ihre Stimme einer Partei gegeben, die offen kirchen- und evangeliumsfeindliche Positionen vertritt. Andere haben seit Monaten vor diesem Wahlverhalten gewarnt und sich für die Freiheit von Kultur und Bildung, die Stärkung von diakonischen und kirchlichen Institutionen und ein soziales, die Menschenwürde aller achtendes Miteinander eingesetzt.
Wir erleben eine Zeit mit sehr unterschiedlichen Ideen darüber, wie unser Land allgemein aussehen und vor allem funktionieren soll und kann, und wie wir zu praktikablen Lösungen für unsere sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme kommen. Hierüber müssen und wollen wir als Bürger dieses Landes im offenen, vernunft- und faktenbasierten Gespräch bleiben und wechselseitigen, demokratischen Respekt üben. Aus tiefster Überzeugung möchten wir als Kirche Menschen zusammenführen, die unterschiedliche Sichtweisen haben und sich gegenseitig zugestehen, dass sie irren können. Wir schauen hoffnungsvoll in die Zukunft, denn wir haben allen Grund dazu: Als Christinnen und Christen sind wir zur Hoffnung berufen und begabt!
Was ist nun als Kirche unser Weg? Wir wollen Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, Mut machen, die unterschiedlichen Spannungen, Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen offen anzusprechen und miteinander Wege der Verständigung zu suchen. Als Kirche, die in der Nachfolge Christi allein dem Evangelium verpflichtet ist, können wir Menschen gerade in diesen Tagen helfen, zur Ruhe zu kommen, ihre Gedanken und Gefühle vor Gott zu bringen und neue geistliche Orientierung zu finden. Vertrauen wir auf die Kraft des gemeinsamen Gebetes und auf die Hoffnung, zu der wir berufen sind!
Wir möchten die Kirchengemeinden in Anhalt ermutigen, Kirchen und Gemeindehäuser nach den jeweiligen örtlichen Möglichkeiten bewusst als geschützte Räume, als Orte des gemeinsamen Hörens und der Verständigung, zu öffnen. Diese Orte sollen Raum geben für Stille und Gebet, für Wut und Verzweiflung, für Klage und Hoffnung. Für das Anzünden von Kerzen, für Andacht und geistliche Begleitung. Wo es möglich ist, möge auch ein Gesprächsangebot durch haupt- oder ehrenamtlich Mitarbeitende hinzukommen. Dabei geht es nicht darum, Antworten geben zu müssen, sondern aufmerksam zuzuhören. Unsere Kirchen sollen und können Orte sein, an denen Menschen unabhängig von Herkunft, Überzeugung, Lebenssituation und Wahlentscheidung herzlich willkommen sind.
Wir vertrauen darauf, dass Gottes Nähe gerade dort erfahrbar werden kann, wo Menschen miteinander sprechen und gemeinsam beten. Wir bitten Sie, vor Ort zu prüfen, in welcher Form ein solches Angebot geschaffen und öffentlich bekannt gemacht werden kann. So können unsere Gemeinden in herausfordernden Zeiten sichtbare Zeichen von Trost, Verständigung und Hoffnung setzen.
Im Epheserbrief schreibt Paulus von der Hoffnung, zu der wir berufen sind. Einer Hoffnung, die Kraft gibt für die Gegenwart und zur Zukunft. Als Christinnen und Christen haben wir allen Grund, in Bonhoeffers Sinn optimistisch zu sein für unsere Welt, unser Land, unser Miteinander und unseren Glauben.
Kirchenpräsident Karsten Georg Wolkenhauer und Präses Dr. Jan Brademann
