Jahreslosung Halbjahresbilanz

JAHRESLOSUNG - 
EINE HALBJAHRESBILANZ

Von Kirchenpräsident Karsten Georg Wolkenhauer

Liebe Leserinnen und Leser,

lange angekündigt und sehnlichst erwartet erschien die neue Jahreslosung 2026 zum 1. Januar und wurde gefeiert wie ein Popstar: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“. Wow! Alles neu, das entsprach sehr gut der Sehnsucht vieler Menschen, die in ihrem Lebensjahr viele, manche sogar sehr viele Defizite festzustellen hatten. Die zum Jahresende 2025 Bilanz gezogen und das Gefühl hatten, mehr erhofft zu haben vom vergangenen Jahr. Die ein Minus vor ihre mühsam und mit Tränen am Silvesterabend gezogene Jahresbilanz gesetzt hatten. 

Und dann diese Jahreslosung mit der Zusicherung, dass alles neu werden würde. Sofort Gedankenblitze dazu: Verpasste Chancen würden noch einmal eine Möglichkeit erhalten, Fehlentscheidungen würden korrigiert werden, Aussichtslosigkeiten und Hoffnungslosigkeiten würden in Zuversicht verwandelt werden. Die großen und kleinen Katastrophen des Lebens würden ihre Prägekraft verlieren. Ein neuer Anfang würde am Himmel mit einem Silberstreif aufziehen. 

 Wir erinnern uns: Johannes wendet sich mit seinem faszinierenden letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, an einige Gemeinden in Kleinasien. Diese Christengemeinden hatten sich mit ihrer heidnischen Umwelt irgendwie arrangiert. Kaiser Hadrianus hatte für Ruhe im Reich gesorgt, wirtschaftlich ging es aufwärts. Der Kaiser allerdings ließ sich öffentlich und bis ins Private hinein als „göttlicher Retter und Schöpfer“ verehren, von allen Untertanen. Unmöglich für Christenmenschen. Wo geht das Arrangement mit dem Heidentum zu weit? Wo ist die Grenze dessen, was sich für Christinnen und Christen noch tolerieren lässt? Und wo ist diese Grenze überschritten und Widerstand geboten? Solche Fragen sind der Kontext der Jahreslosung. Sie waren es damals, sie sind es bis heute.

 Johannes ermahnt seine Gemeinden eindringlich, auf gar keinen Fall der Mehrheitsgesellschaft und ihren Versprechungen zu erliegen. Nur durch vollständige Trennung von der Welt gäbe es die Möglichkeit, ein Teil jenes bald zu erwartenden neuen Himmels und der neuen Erde zu werden. Keine falschen Kompromisse!

 Zu Beginn des Jahres habe ich in dieser Zeitung geschrieben, dass die nun beginnende Arbeit mit dem Text der Jahreslosung gut daran täte, auf jegliche Phrasen und Parolen zu verzichten, dass nun alles anders, alles besser und alles neu werden würde. Und, dass selbst gut gemeinte Erneuerungs- und Optimierungsrhetorik hier völlig fehl am Platz sei. Allen, die sich zur Jahreslosungshalbzeit nochmals in den Text vertiefen wollen, sei der sehr lesenswerte Text zur Jahreslosung aus „Exegese für die Predigt“ empfohlen, einer Textreihe der Deutschen Bibelgesellschaft.

 Zur Halbzeit der Jahreslosung 2026 befindet sich Sachsen-Anhalt im Wahlkampf um die Landtagswahl. Dass und wie alles neu werden müsse, polarisiert die politischen Meinungen quer durch die Christengemeinden extrem wie lange nicht mehr. Welche Partei ist für Christen wählbar, welche ist es auf gar keinen Fall? Welche Wahlversprechen dienen nur mit Getöse und Gebrüll der Wahlkampflogik, welche werden etwas für die Menschen im Land bringen, das nicht nur neu, sondern besser für Alle in der Gesellschaft ist und unsere Welt friedlicher und gerechter macht?

 „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“, dieses Wort spricht bis heute direkt zu uns in den Alltag! Die unbequeme Aufforderung bleibt, keine falschen Kompromisse zu machen. Sondern fest im Glauben zu stehen, alles am Evangelium von Jesus Christus zu prüfen und sich immer wieder zu fragen, womit wir es bei politischen und geistlichen Heilsversprechen zu tun haben. Dabei bleibt es unsere Aufgabe, diese Welt jeden Tag durch das Tun des Gerechten zu verwandeln. Ich bin freudig gespannt und getrost, dass uns das gelingen wird! Die 2. These der Barmer Theologischen Erklärung könnte vom Verfasser der Jahreslosung stammen und ist ein guter Wegweiser ans Ziel:

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“

Karsten Georg Wolkenhauer
Kirchenpräsident

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