Theaterpredigt Andreas Montag

THEATERPREDIGT VON ANDREAS MONTAG

ANDERE ZEITEN

Dessauer Theaterpredigt am 26. April 2026, Bezug nehmend auf Robert Teufels Inszenierung der Tragikomödie „Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow am Anhaltischen Theater Dessau

 Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gemeinde,

andere Zeiten ­ - das könnte einen doch hellhörig werden lassen: Um alte Bäume, die abgeschlagen werden sollen, geht es in Anton Tschechows Drama „Der Kirschgarten“. Die glamouröse Gutsherrin Ranewskaja kehrt nach Jahren aus Paris zurück, sie ist faktisch bankrott, ihr Familiensitz steht vor der Versteigerung. Aber die adlige Dame verschließt ihre Augen lieber, das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Um andere Zeiten geht es also, die unausweichlich bevorstehen und ihre Zeichen bereits voraussenden. Eine Komödie, die eigentlich eine zu Herzen gehende Tragikomödie ist, weil das handelnde Personal zum überwiegenden Teil am eigenen Untergang arbeitet. Oder zumindest nichts Geeignetes versucht, das ihn vielleicht aufhalten könnte.  Das mag einem aus der gegenwärtigen gesellschaftlichen Stimmungslage und politischen Situation heraus bekannt vorkommen. Aber wir reden ja hier in der Hauptsache über Bühnenkunst. Robert Teufel hat das Stück am Anhaltischen Theater sehenswert schlüssig und überzeugend inszeniert, gelacht werden darf auch. Das Ensemble ist mit spürbarer Lust und großem Feingefühl bei der Sache, die uns indes mit ihrer vertrackten Zeitgenossenschaft nahe auf Leib und Seele rückt. Näher vielleicht, als einem das lieb sein mag, da doch ein heiterer Abend in Aussicht stand.

Dabei wird das Versprochene auch prompt geliefert, Theaterleute sind ernsthafte, zuverlässige Menschen. Nur ist die Heiterkeit der Kunst gerade in der Komödie in ihren besten Momenten oft auch mit Provokation verbunden. Sie halten dir das Stöckchen hin, diese liebenswerten Schlitzohren, du bist zum Springen eingeladen. So geht die Verabredung. Und weil sie keine der unlauteren, unmoralischen Art ist, schon gar kein Teufelspakt mit gefährlichem Ausgang für die eigene Moralbilanz, kann man sich getrost darauf einlassen: bedenkenlos. Das heißt im Übrigen keineswegs: gedankenlos.  Auf das Wort und die Taten kommt es an - bei Tschechow, in der Dessauer Inszenierung seines „Kirschgartens“ wie auch für uns, die wir im Saal sitzen und das Handeln der Bühnenfiguren mit eigenem Verstand und am eigenen Gefühl messen können.

Eine Übergangsgesellschaft wird uns hier gezeigt, die in Wahrheit eine Untergangsgesellschaft ist. Nur, dass es ihre Akteurinnen und Akteure noch nicht begriffen haben. Oder nicht begreifen wollen. Das 1904, wenige Monate vor Tschechows Tod, in Moskau uraufgeführte Stück spielt zur damaligen Jetzt-Zeit in der russischen Provinz. Ein wundervoller Schauplatz für Melancholiker, andere dagegen möchten dort nicht mal tot über dem Gartenzaun hängen – sieht man nur die karge Halle des einigermaßen heruntergekommen Herrenhauses, das Katharina Grof auf der Bühne bereitet hat.

Das könnte einen allerdings auch zu der Frage veranlassen: Was geht mich diese seinerzeit fraglos heikle Angelegenheit im Hier und Jetzt an? Nicht wenig, behaupte ich. Verdammt viel vielleicht sogar, das muss gesagt werden dürfen, auch wenn es sich bei dieser öffentlichen Rede um eine Predigt handelt. Dass der, der sie zu halten eingeladen wurde, was ihn sehr ehrt, zwar ein bekennender Christ und ordentlicher Kirchensteuerzahler ist, aber eben kein Theologe, mag ihn für die saloppe Wortwahl entschuldigen.

Schieben wir’s im Zweifel beherzt auf Martin Luther, der zwar vom Fach war, aber um eine klare Sprache gottlob ebenso wenig verlegen wie sein streitbarer Glaubensbruder und Gegner Thomas Müntzer. Und beide waren Kinder des heutigen Sachsen-Anhalts. Das Streiten in der Sache gehört also zur Tradition hierzulande.  

„Der Kirschgarten“ hat natürlich etwas mit unserer Zeit zu tun, auch wenn das Stück in der Inszenierung von Robert Teufel überwiegend in seiner Zeit belassen wird. Gut so! Denn die Aktualität eines Werks entscheidet sich nicht an zeitgeistiger Diskurs-Bemühung, sondern in den Denkräumen, die beim Publikum geöffnet werden. Dabei wird man wie im vorliegenden Fall auch am Politischen nicht vorbeikommen, das der Kunst zwangsläufig innewohnt, weil sie sich mit dem Menschlichen und den Zeitläuften befasst. Allein der ewige Student und Weltverbesserungs-Träumer Trofimow wird hier anscheinend ein bisschen zu gegenwärtig-didaktisch auf die Pauke hauen, wenn es um den Zustand der Welt geht. Aber weil er von Christian Clauß so fein ironisch gezeigt wird mit seinem hehren, aber rein rhetorischen und deshalb auch belächelten Wollen, geht es dennoch an. Man sieht darin das kleinbürgerliche Ende schon kommen, das mancher selbst ernannte Revolutionär später genommen hat.

Tschechows „Kirschgarten“ gibt uns das kostbare Privileg, das Fernglas umzudrehen – im Wissen, wie die Dinge für die russische Gesellschaft aus dem Jahr 1900 hernach gelaufen sind: Zwei verlustreiche Weltkriege, dazwischen eine blutige Revolution, die den Zaren stürzte und schließlich die stalinistische Schreckensherrschaft nach sich zog. Nun sind Stalin und der Zar in Gestalt des unumschränkt schaltenden Autokraten und Kriegsherren Wladimir Putin gleichsam vereint. 

Zugleich aber wächst hier und jetzt, in unserem Land, Beunruhigung wegen des Künftigen, dessen Gestalt wir nicht absehen können.  Da geht es auch um Gärten, freilich besonderer Art. Nicht wenige haben gar keine Lust mehr auf die Mühen demokratischer Streitkultur – sei es aus nachvollziehbarer Enttäuschung zum Beispiel angesichts bürokratischer Knoten und Zumutungen, sei es aus Trägheit, sich einzumischen. Unsicherer, nicht friedlicher ist die Welt geworden, politische Entscheidungen wirken oft irrational und den Menschen nicht zugewandt. Da sehnt man sich nach Einkehr und Gewissheiten. Die Ängste der Menschen, ob sie ihr Eigenes werden bewahren können, sind dabei ebenso berechtigt wie mitunter diffus. Denn das Eigene ist aus dem kommunizierenden System eines humanen Gemeinwesens nicht herauszurechnen, wie unrund und unvollkommen es laufen mag. 

Von einer offenen Gesellschaft, wie wir sie gestalten dürfen, wenn wir nur wollen, sind die Gutsherrin Ranewskaja und die anderen Personen im „Kirschgarten“ weit entfernt. Sie stecken in ihrem Kokon aus Dünkel, Faulheit und Sentimentalität, sie haben keinen Mut und keine Wahl. Hierzulande, wo man demnächst wählen darf, klingt es hingegen mitunter so, als sei alles längst entschieden. Es kommen endlich andere Zeiten, versprechen die einen mit national gefärbtem Pathos. Nicht wenige der anderen wirken unterdessen wie erstarrt. Aber nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss, wir erinnern uns doch an der Deutschen meistzitierten Dichter Goethe, dessen Vision wir einst in der Schule brav auswendig – und dann vielleicht sogar zu verstehen gelernt haben. Im Herbst 1989, während der Friedlichen Revolution, anschließend auf dem zugegeben steinigen Weg zur deutschen Einheit und später unterwegs in ein vereintes Europa sah es jedenfalls ganz danach aus. Billiger ist individuelle Freiheit nicht zu haben, als gemeinsam mit anderen dafür einzustehen, wer immer etwas anderes zu Discountpreisen versprechen mag. Liberalität, Respekt und Toleranz gehören nicht auf die Agenda des Verhandelbaren, sie sind Grundwerte für unsere Zeit wie unsere Zukunft.

Bei Tschechow ist es die Adelswelt der Zarenzeit, die in ihrer Lethargie, Larmoyanz und Selbstüberschätzung in den absehbaren Untergang tanzt. Man ist pleite, aber ein paar Scheinchen sind noch übrig. Also gibt es Champagner zum Finale. Die Zeit ist abgelaufen für die Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranewskaja und ihresgleichen, es fehlt ihnen an Kraft wie an Fantasie. Kein Gedanke an Glaube, Hoffnung und Liebe.

 Die Abwesenheit von wahrhaftigem Trost aber ist es, die das Tragische in Tschechows Komödie ausmacht. Über die irrwitzige Hoffnung auf einen unverhofften Geldregen, die Gajew, der Bruder der Gutsherrin, hegt, geht es nicht hinaus. Michael Rothmann spielt diesen leichtfertig-leutseligen Zocker in einer schönen Balance aus Ignoranz und leidenschaftsloser Ergebung. Seine Schwester hingegen, die nach dem tragischen Tod ihres fünfjährigen Jungen mit einem Liebhaber nach Paris geflohen war und dort den Rest ihres schon geschmolzenen Vermögens verlebt hat, träumt sich nach ihrer Rückkehr ins überschuldete Gutshaus in glückliche Kindertage zurück. Claudia Lietz gibt eine arrogante Frau, die ihre Traumwelt nicht verlassen will. Daran wird auch Lopachin nichts ändern können, der schon gar nicht. Der Sohn eines früheren Leibeigenen hat es durch geschickte Spekulationen zu Reichtum gebracht und präsentiert einen pragmatischen Vorschlag: Die Gutsherrin soll ihren geliebten Kirschgarten, dessen Schönheit weithin gerühmt wird, abholzen lassen, um auf dessen Grund Parzellen für Sommerfrischler aus der Stadt zur Pacht anzubieten.

Jan-Eric Meier spielt den ungebildeten, aber tüchtigen Bauernsohn Lopachin als einen machtbewussten, robusten Macher, der manchmal selbst darüber staunt, wie weit er es gebracht hat. Auch er setzt nicht auf einen Glauben, er ist sich mit seinem geschäftlichen Geschick selbst genug. Andere Zeiten – mit Lopachin haben sie bereits begonnen. Er wird am Ende über die zaudernde Ranewskaja und ihren weichlichen Bruder hinweggehen: Wenn sie nicht selbst verkaufen wollen, wird er bei der fälligen Versteigerung des Gutes zulangen und zum Eigentümer werden.

Das Tableau der Untergehenden ist fabelhaft gesetzt und gespielt: Warja (Anja Andersen Rüegg), die Ziehtochter der Gutsherrin, die dem Lopachin eigentlich versprochen war, wird nicht geheiratet und stattdessen als Haushälterin in einem anderen Adelshaus unterkommen. Ein bitterer Ausgang für sie, sie trägt es ohne Tränen. Anja (Sophia van den Berg), die 17-jährige Tochter des Hauses, versucht den ewig philosophierenden, schwadronierenden Trofimow ernsthaft zu verführen, der aber zu verklemmt für die Liebe ist und behauptet, über ihr zu stehen. Der servile, tollpatschige Buchhalter Jepichodow (Robert Zimmermann) wird das Dienstmädchen Dunjascha (Jana Tali Auburger), um das er unglücklich wirbt, an den zynischen Leichtfuß Jascha (Edgar Sproß) verlieren, der sich sexuelle Befriedigung bei der jungen Frau holt. Neben der unglücklichen Warja ist es nur noch der greise Kammerdiener Firs (Klaus Cofalka-Adami), der Würde bewahrt. Für ihn liegen die anderen Zeiten in der Vergangenheit, als das Gut noch florierte und die Hierarchie im Saft stand. Rührend, wie er den dicken Gajew bemuttert, ein verwöhntes Kind von 50 Jahren, das nicht erwachsen werden will.

Andere Zeiten ohne viel Hoffnung - will man von Lopachin absehen, dessen Enkel es vielleicht zu einem Oligarchen von Putins Gnaden bringen kann. Oder in einem sibirischen Straflager enden wird. Dann endlich mag er auf Jesus Christus, den Erlöser hoffen, dessen Rolle sich zuletzt der US-amerikanische Präsident Donald Trump auf den Leib geschrieben sah. Darüber waren selbst viele seiner Parteigänger empört. Aber sie werden sich beruhigen. Und mit jeder Grenzüberschreitung werden Grenzen um ein weiteres Stück verschoben. Was gestern noch undenkbar schien, ist morgen schon alternative Wirklichkeit. Nur die Kriege sind real. In der Ukraine, in Gaza, im Iran. Über den Sudan reden wir weniger, der ist weit weg. Und nicht über Antisemitismus, das ist kein schönes Thema. Außerdem wird der Kraftstoff morgen vielleicht schon wieder teurer.

Aber das ist eine andere Komödie als jene, über die zu sprechen wir hier versammelt sind. Oder etwa nicht? Finden Sie den Unterschied! Tschechows Figuren sind Zeugen einer Zeit, die sie und ihresgleichen lange getragen hat und jetzt über sie hinweg zu gehen im Begriff ist. Wie eine plötzlich ansteigende Woge, die leichtfertig Badende mit sich reißt, die alle Warnungen in den Wind geschlagen haben. Dass es dabei auch den schönen Kirschgarten erwischen wird, den wir im Dessauer Theater mitten unter uns, im weiten Zuschauerraum, imaginieren dürfen, ist traurig. Dass es keinen Funken Hoffnung für die Untergehenden gibt, denen der im Fluss ertrunkene Sohn der Gutsherrin Ranewskaja ein Zeichen gesendet hatte, ist tragisch. Sie klammern sich an das Alte, weil dies allein ihre Legitimation bestimmt hat. Zweifel an ihrer tönernen, auf Ausbeutung Leibeigener gegründeten Herrlichkeit waren ihnen nicht gekommen, solang der Rubel rollte.

Glaube, Hoffnung, Liebe – das Personal in Tschechows „Kirschgarten“ wird selbstverständlich davon gehört haben. Eine schöne Predigt vor einem reichlichen Essen geht immer zu Herzen. Oder man macht ein Nickerchen dabei, auch wenn einem das Wasser wie den Menschen im „Kirschgarten“ bis zum Halse steht.

Aber kann nicht gerade der Glaube zu neuen Ufern führen? Vielleicht ist dies der Punkt, an dem sich Tschechows und unsere Welt über alle Zeit hinweg berühren: Verzagtheit wird nicht zur Freiheit führen - ebenso wenig wie die armselige Unlust, sich das Glück anders denn als Ware zu denken. 

„Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern“, steht bei Galater 5:13. Guter Spruch. Das werde ich mal mitnehmen, sagt man heute – zumeist, wenn gemeint ist, dass man das Gehörte umgehend vergessen wird. Vielleicht aber auch nicht, das Welttheater braucht schließlich waches, furchtloses, ehrliches Personal – auf der Bühne wie im Parkett. Das gilt seit biblischen Zeiten, nicht immer allerdings mit dem wünschenswerten Erfolg:

„Wo Hochmut ist, da ist auch Schande, aber Weisheit ist bei den Demütigen.“

 

Andreas Montag mit Martina Apitz (Orgel) und Manfred Apitz (Violine) aus Köthen

Pfarrerin Geertje Perlberg

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