Sommerbrief des Präses

SOMMERBRIEF DES PRÄSES

Wie sollen wir fröhlich von Gott reden, wenn wir stets nur den Rückbau planen?

Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet; und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung. 1. Kor.1,10.

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Christen waren gering an Zahl und schwach in der Stadt Korinth. Sie entzweiten sich irdischer Dinge wegen.

Korinth: das war noch ganz am Anfang unseres christlichen Glaubens, ermöglicht durch Gottes Geist, getragen durch das Erinnern an Jesus und seine Auferstehung, verkörpert und gestärkt im Herren-Mahl. Es fehlte an einer Kirche. Es fehlte an Acker und Geld und Ämtern, es fehlte an Gebäuden und Agenden und Kirchengesetzen. Uneins zu werden, war das überhaupt zu vermeiden?

Und heute? Die Christen sind gering an Zahl und schwach in Anhalt. Aber: Sie haben eine Kirche, eine Kirche mit langer Geschichte. Doch, liebe Schwestern und Brüder, der Umkehrschluss ist nicht ohne weiteres möglich. Man könnte sogar fragen: ‚Hatten es die Korinther ohne Kirche nicht besser?‘ Ist diese Kirche nicht zur Last uns geworden?

Wir müssen sie am Laufen halten und gleichzeitig reformieren. Wann wollen wir das alles schaffen? Wie sollen wir fröhlich von Gott reden, wenn wir stets nur den Rückbau planen?

Wir müssen mit mathematischer Präzision umorganisieren, wo es doch um Menschen geht, Menschen mit Hoffnungen und Ängsten, mit frommen Ansprüchen und materiellen Interessen. Geht das überhaupt zusammen?

Wir müssen zügig handeln, weil wir gezaudert haben und weil der Druck nie gekannte Ausmaße annimmt, aber wir müssen dabei zusammenbleiben! Wie soll uns das gelingen?

Liebe Schwestern und Brüder,

zu glauben, den Korinthern sei es besser gegangen, weil sie keine Kirche hatten, wäre geschichtsvergessen, denn sie lebten in allergrößter, existenzieller Bedrängnis, zeitweise in Lebensgefahr. Dies zu meinen, wäre undankbar gegenüber Gott. Es ist immer noch eine Gnade, diese unsere Kirche zu haben, die uns Schutz bietet und Halt gibt. Es ist immer noch eine Gnade, in diesen Zeiten zu leben, so sehr sie uns auch herausfordern.

 

 

Wir Menschen haben diese Kirche gemacht in einer langen Geschichte. Wir Menschen dürfen, ja müssen sie weiter formen. Wir müssen gemeinsam nach neuen Wegen suchen. Und dies tun wir: Wir haben „Anhalt 2035“ beschlossen. Wir haben Einigkeit hergestellt in unstrittigen Punkten wie etwa der längst überfälligen Auflösung der Kirchenkreise und der Verkleinerung der Leitungsstruktur. Der Verfassungs- und Rechtsausschuss arbeitet an einem Erprobungsgesetz, das die zügige Umsetzung dieser Dinge ermöglichen soll.

Wir haben kontrovers diskutiert und der „Roten Ampel“ den Stecker gezogen: Die Kirche bleibt im Dorf! Mit professioneller Hilfe sind wir – zunächst in der Modellregion Bernburg-Nordwest – in einen „Dialog Kirchenimmobilien“ eingetreten, aus dem wir uns Impulse für einen zukunftsträchtigen Umgang mit unseren Gebäuden erwarten, mit neuen Nutzungsformen und Kooperationspartnern.

Wir haben kontrovers diskutiert und befunden, dass auf „regiolokaler“ Ebene noch Gesprächsbedarf ist: Brauchen wir nicht vor allem – freiwillige! – Zusammenschlüsse von Gemeinden und Multitasking-Regionalpfarrämter, von denen aus sie versorgt werden? Sind nicht die so mühe- und liebevoll aufgebauten Verbünde schon die halbe Miete auf dem Weg dahin, auf dem Weg zu weniger Struktur und Bürokratie, weil hier schon ein neues Miteinander gewachsen ist, das vertieft und erweitert werden kann? Müssen wir nicht unsere wunderbaren Kirchen auf allen Karten über neue Gebietseinteilungen als Kristallisationspunkte unseres Glaubens fixieren? Als kleinste Einheit dessen, was Christen seit jeher Gemeinde nennen? Über diese Fragen wollen wir im kommenden Winter nochmals eine Runde „Forum Anhalt 2035“ drehen. 

Der Strategieausschuss arbeitet derzeit an einem Zeitplan für die weiteren Reformen, aber auch an einem Stellenplan. Das bedeutet, zu einer Bestandsaufnahme der vorhandenen Stellen, ihrer Funktionen und Aufgaben, zu kommen. Diese Arbeit soll im zweiten Schritt – in Konfrontation mit finanziellen Prognosen – zu einer Planung der Aufgaben und Stellen für das Jahr 2035 kommen: Was können, was wollen wir uns leisten? Worauf werden wir verzichten müssen? Werden wir das überhaupt noch als eigenständige Landeskirche können?

Die Kirchenleitung vertieft derweil den Austausch mit den Nachbarkirchen. Uns wird von Sitzung zu Sitzung klarer, wie sehr wir auf Hilfe angewiesen sind, weil für bestimmte Aufgaben die Personaldecke zu dünn wird und andere schon lange stillschweigend liegen geblieben sind. Das Archivwesen z.B., für welches die letzte Einschätzung in besonderer Weise gilt, wird künftig zu den wichtigsten Kooperationsfeldern der Landeskirchen gehören. Wie anders soll der Spagat 

gelingen zwischen dem unaufgebbaren Anspruch auf die Sicherung kirchlicher Überlieferung in eigener Verantwortung einerseits und drastisch schrumpfenden Finanzmitteln andererseits?

Liebe Schwestern und Brüder, 

das alles sind Probleme, die sich lösen lassen. Es sind irdische Dinge, natürlich von Belang für unseren Glauben, aber historisch gewachsen und also veränderbar – und eben nicht durch göttliches Gesetz in Stein gemeißelt.

Doch schauen wir nach Griechenland zurück: Die Christen waren gering an Zahl und schwach in der Stadt Korinth. Sie entzweiten sich irdischer Dinge wegen. Ihnen fehlte die Kirche – mit ihrem Schutz und ihrem Halt, aber auch mit ihrer Last. So wenig und schwach sie auch waren, die Christen ließen sich von Äußerlichkeiten in ihren Bann ziehen. Sie betonten ihre Unterschiede anstelle der Gemeinsamkeiten. Sie zankten und verklagten sich vor Gerichten, anstatt Einigkeit zu suchen. Sie waren stolz auf ihre Klugheit und Einsicht und vergaßen, demütig zu sein und zuallererst auf Gott zu hoffen.

Paulus schrieb ihnen: „lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in einem Sinn und in einer Meinung“. Dass er Recht damit hatte, zeigt uns nicht nur die Geschichte der Gemeinde in Korinth, die, trotz Anfeindungen und Verfolgungen, stetig wuchs und immer weiter gedieh. Davon zehren wir bis heute. Dass Paulus Recht hatte, sagt uns aber vor allem unser Glaube selbst.

Liebe Schwestern und Brüder, 

keiner weiß, was vor uns liegt. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild. Was auch immer kommen mag, wir müssen aneinander festhalten in einem Sinn und einer Meinung. Lassen Sie uns dies bitte immer wieder versuchen, aller Skepsis dem Neuen gegenüber und allem Misstrauen zum Trotz, das sich oft allzu schnell in unsere Herzen schleicht. Lassen Sie uns zusammenkommen und uns gegenseitig hoffnungsfest machen, fest in der Hoffnung, die Gott uns in Christus geschenkt hat. In diesem Sinn freue ich mich auf den, nein, in diesem Sinne sehne ich mich nach dem Kirchentag am 30. August in Dessau.

Die Christen sind gering an Zahl und schwach in Anhalt. Doch irdischer Dinge wegen entzweien sie sich nicht.

In brüderlicher Verbundenheit grüßt Sie alle herzlich
Ihr
Jan Brademann

 

 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.